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Eine Schule von Kaiser Wilhelms II. Gnaden
Von Bert Bertling 27.08.2004
Ein aufschlussreicher Fund in einer ehemaligen Mastholter Schule
Mastholte - Seite 1981 besteht das Schulzentrum inmitten Mastholtes, gegenüber der Kirche. In dies noch immer sehr moderne Haus gehen alle Grundschüler der Ortschaft (über 400!) und alle Hauptschüler aus Mastholte und Bokel (fast 300!). Inzwischen weiß die erste Generation der Bevölkerung in der Regel nicht mehr, dass diese Anlage damals 5 (fünf!) Schulen zusammenfasste: Wulfhorst, Hammoor, Schule I und Schule II (Raler) und die Dorfschule.
Die alte Schule 2, genannt „Raler-Schule“, benannt nach der Flurbezeichnung „auf der Rale“, 1892 gebaut, heute im Besitz der Familie Kraft, Lippstädter Straße 150. Die Schule ist vollständig umgebaut und als solche heute nicht mehr zu erkennen. Sie war 1892 aber ein komplette Kopie der Wulfhorst-Schule! Kaiser Wilhelm II. hatte per „allerhöchstem Gnadenerlass“ für den Bau 6950 Mark gespendet! Eine Portal-Tafel erinnerte daran.
Das hat auch seinen Grund darin, dass die ehemaligen Gebäude als Schulen heute kaum noch zu erkennen sind. Am ehesten vielleicht noch die Wulfhorstschule, aber da gibt es eine Besonderheit. Die Wulfhorstschule nämlich ist baugleich mit der ehemaligen Raler-Schule, die heute der Familie Kraft sen. als Wohnhaus dient an der Lippstädter Straße 150 (von Mastholte erstes Haus rechts vor der Gaststätte Wöstemeier). Wie kam es zu einer solchen Baugleichheit? Nahe liegt: Aus Gründen der Geldknappheit.
In der Wulfhorst beteiligte sich 1892 ja auch die Stadt Rietberg zur Hälfte, denn die Hälfte der Schüler kam aus der Rietberger Feldmark, in Mastholte (Süd) war man allein auf sich gestellt. Es gab noch keine Holzindustrie. Mastholte allein war noch sehr arm. Doch schauen wir uns zunächst die Bauerschaften Wulfhorst und Hammoor an:
100 Jahre Wanderlehrer in Moese und Mastholte
"Zu Beginn des 19. Jahrhunderts (also um 1800) gab es auch auf Wulfhorst und Hammoor Wanderschulen; der Lehrer hieß Meierpeter", berichtet die Chronik Hammoor. Meyerpeter wird 1842 vom Wanderlehrer H. Kauppaschedag abgelöst. Als dieser 1861 seinen Dienst beendet, werden beide Schulen eigenständig.
Das Schulgebäude von Hammoor aus dem Jahre 1904 an der Katthagenstraße
Weiter heisst es im Hammoorer Schulbericht: "Bis 1830 ist hier nicht einmal ein Schulgebäude gewesen. Der Lehrer hat abwechselnd in den drei Häusern Grossevollmer, Grosselüning und Kamppeter Unterricht im Lesen und Schreiben erteilt; Rechnen nur auf besonderen Wunsch an einzelne Kinder!" Erst nach 1830 kaufte man vom Gutsbesitzer Geissel ein kleines Haus, das zur jetzigen Stelle versetzt wurde. Also sozusagen ein „gebrauchtes“ Haus. Mehr konnte sich die Gemeinde nicht leisten. Es waren so arme Zeiten, in denen die Menschen, wenn sie konnten, den Ort verließen. Zu Hunderten sind sie z.B. ausgewandert nach Amerika.
Die Hammoor-Schule diente zur Hälfte als Schule und zur anderen Hälfte als Wohnung für den Wanderlehrer, der auch täglich in der Wulfhorst zu unterrichten hatte. Das heute erhaltene Schulgebäude heute (s. Foto) ist erst 1904 entstanden. Ab 1909 ist die Hammoor-Schule zweiklassig (1.-4. Schuljahr in einem Raum und 5.- 8.Schuljahr in einem Raum). Nacheinander unterrichteten und leiteten folgende Lehrer die Schule: 1842 bis 1881 Lehrer Kauppaschedag, 1881 bis 1884 Lehrer Sprenger, 1884 bis 1887 Lehrer Oeke, 1887 bis 1924 Lehrer Vössing, 1924 bis 1946 Lehrer Krusenotto, 1947 bis zur Auflösung 1966 Lehrer Könneker.
1. - 4. Jahrgang und 5. - 8. Jahrgang in einem Raum
In der Wulfhorst gab es wohl von Anfang an ein Haus, 1836 erneuert, 1887 ganz neu gebaut. Es handelt sich um das weiße Gebäude, das heute links vor der Schule (heute Brüggershemke) steht.
Rechts die Wulfhorstschule, heute als Wohnheim gebraucht: das große Gebäude von 1931, der flache Anbau rechts von 1962. Das erste Schulgebäude in der Wulfhorst war jedoch das weiße Gebäude links im Vordergrund, entstanden 1887, heute im Besitz der Familie Brüggershemke. Dieses Gebäude wurde bis in die Einzelheitern kopiert, als man in Mastholte-Süd die Raler-Schule fünf Jahre später baute.
Die heute erkennbare große zweistöckige Schule entstand erst 1931, der flache Anbau 1962-1964. - Und: "Ab 1920 wurden in der Wulfhorst zwei Klassen unterrichtet, Kinder aus Moese und aus Rietberg!" Auch hier 1.- 4. Schuljahr in einem Raum und 5.- 8. Schuljahr in einem Raum (Wulfhorst-Chronik)
Bis zum Jahr 1861 verwaltete der schon genannte Wanderlehrer Kauppaschedag die Wulfhorst-Schule, ihm folgten in der Leitung folgende Lehrer bis zum Neubau der Schule 1887:
1861 bis 1864 Lehrer Wegener, 1864 bis 1871 Lehrer Sprenger, 1871 bis 1875 Lehrer Stute, 1875 bis 1881 Lehrer Richard, 1881 bis 1882 Lehrer Hille, 1882 bis 1884 Lehrer Müller.
Dieser Bau, es handelt sich um das heute weiße Gebäude an der Straße im Besitz der Familie Brüggershemke, ist mit allen Plänen innen und außen dann in Mastholte Süd als Kopie nachgebaut worden. Aus Kostengründen. Aber selbst unter diesen Umständen reichte das Geld nicht, um den Schulraum zu schaffen. Die „allerhöchste Stelle“, der Kaiser in Berlin, musste helfen.
„Allerhöchste Gnade“
Als nämlich die Kinderzahl für die vorhandene Schule in Süd an der Bentelerstraße gar zu klein wurde (wiederum Jahrgang 1 bis 4 ein Raum, Jahrgang 5 bis 8 ein Raum) beschloss man einen Neubau, war aber, welch Wunder, auf sparsamste Bauweise angewiesen. Die Idee mit der Kopie ersparte ja schon Einiges. Obwohl also die Kopie erheblich billiger wohl war als das Original, musste erst Kaiser Wilhelm II. in Berlin mit einem „allerhöchsten Gnadengeschenk“ von 6950 Mark helfen, damit überhaupt gebaut werden konnte. Immerhin betrug der Zuschuss mehr als ein Drittel der veranschlagten Kosten von 20000 Mark. Der Kaiser ließ seine „Gnade“ tatsächlich in Stein meißeln, rd. 2m x 1m groß, wie wir jetzt sehen können. Der Portalstein ist mit dem Text „Diese Schule ist 1892 hauptsächlich aus einem Gnadengeschenk erbaut“. (sic!)
Anlässlich des Baues wurde in den Grundstein eine Urkunde versenkt, die der im vorigen Jahr verstorbene Ferdinand Kraft senior sehr sorgfältig bewahrte, als er dass Haus übernahm. Nun aber droht der Zerfall der Urkunde. Ferdinand Kraft bestimmte noch zu Lebzeiten, dass sie dem Fachmann im Rietberger Stadtarchiv zur Konservierung übergeben werde. Neben der Urkunde lagen in der Kupferhülse des Grundsteins, wie damals üblich, auch noch die gültigen Münzen der damaligen Währung. Der Stein aber sollte für alle sichtbar an der Hausfront zur Lippstädter Straße angebracht werden.
Ferdinand Kraft „erwarb“ Schule und Schulgelände durch einen Tausch: Als 1968 die damalige Gemeinde Mastholte für die Kinder und ihren Kindergarten (Süd) das passende Gelände suchte, fand sich Kraft sen. bereit, das heutige Kindergartengelände gegen das Gelände der Raler-Schule zu tauschen.
Die Urkunde wie auch der Stein erscheinen mir heute von geschichtlichem Wert: Wer die Nachrichten und Berichte des Fernsehens zum 90 Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkrieges und zur Figur Wilhelms II. verfolgt hat, wird auch in Urkunde und Stein erstaunt feststellen, wie weit das Denken dieses Kaisers bis hinunter ins Dorf seinen Niederschlag gefunden hat. So wird zu Beginn der Urkunde erst einmal der Kaiser aus „allerhöchster“, so angeordneter Sicht gewürdigt.
Der Text der Urkunde:
„An der Spitze des mächtigen Deutschen Reiches steht der deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II. Vor ungefähr vier Jahren bestieg dieser Kaiser in der Vollkraft des Mannes den Thron. Die Augen von ganz Europa waren in banger Erwartung auf ihn gerichtet, denn ein sieggewohntes Heer und ein gefüllter Kriegsschatz standen ihm zur Verfügung.
Da verkündete er der erstaunten Welt, daß er nur nach dem Frieden strebe, weil ihm das Wohl des Volkes über alles gehe. Die königliche Wort hat er voll und ganz erfüllt, denn bisher war Friede und wird es voraussichtlich noch lange währen.
Unter der segensreichen Regierung Wilhelm II. wird heute der Grundstein zur neuen Schule in der Gemeinde Mastholte gelegt werden.
„Diese Schule ist im Jahre 1892 hauptsächlich aus einem Gnadengeschenk (des Kaisers) erbaut.“ Der Kaiser ließ seine „gnädige“ Großzügigkeit in Stein gemeißelt allen Untertanen kundtun! Die Tafel prangte über dem Eingang der Schule.
Diese Gemeinde gehört zum Amte Rietberg des Kreises Wiedenbrück, Regierungsbezirk Minden, und liegt in der Provinz Westfalen des Königreiches Preußen. Die Provinz verwaltet der Oberpräsident Studt, den Regierungsbezirk der Präsident von Pilgrim, den Kreis der Landrat Dr. Osterrath, das Amt der Amtsmann Elmendorf und die die Gemeinde der Vorsteher Hanebrink.
Die Schüler von der Gemeinde Mastholte gehören zum Kirchspiel Mastholte, woselbst der Pfarrer Ahnhorst, der Kaplan Schulze und der Vikar Sanders die Seelsorge ausüben.
Die Schule ist zu (unleserlich) Mark veranschlagt und wird vom Maurermeister Berkemeier zu Mastholte erbaut, jedoch konnte der Bau erst nach Zusicherung eines allerhöchsten Gnadengeschenkes von 6950 Mark begonnen werden.
Die Anwesenden erkennen dankbar die huldvolle Bewilligung dieses Gnadengeschenkes an und sind beseelt von dem Wunsche, diese Schule möge demnächst nicht nur das geistige und leibliche Wohl der Kinder fördern, sondern auch den christlichen Glauben pflanzen und pflegen.
Die feierliche Grundsteinlegung soll heute in Gegenwart des Schulvorstandes, der Gemeinde Vertretung, der Pfarrgeistlichen, der Lehrer und der Schulkinder in der Weise stattfinden, daß die Schulkinder die Feier mit Gesang eröffnen, der Pfarrer über die Bedeutung der Schule eine Rede hält und der Amtmann auf den Kaiser „ein Hoch“ ausbringt, worauf der Akt mit einem patriotischen Liede geschlossen wird.
Nachdem diese Urkunde verlesen und in allen Punkten als richtig befunden war, wurde sie zum Zeichen der Zustimmung unterschrieben.
Mastholte, den 7. April 1892
Der Schulvorstand: Elmendorf, Hanebrink, Sanders, Herbort, Kaiping
Die Gemeindevertretung: Hanebrink, Herbort, Kaiping, Walkenhaus, Frankenfeld, Herbort
Die Lehrer: Krüger, Sander
Die Maurerunternehmung: Berkemeier“
So dachte man damals. Der Kaiser gewährte gnädig dem Volke Bildung.
In Stein manifestiert! Damit das der Nachwelt erhalten bleibt, hat Ferdinand Kraft zu Lebzeiten angeordnet, dass der Stein für alle sichtbar von der Straße an die Vorderfront seines Hauses angebracht wird. Die Urkunde soll im Stadtarchiv Rietberg verwahrt werden. Dies wurde nun in diesen Tagen veranlasst.
Frau Hildegard Kraft überreicht dem Ortvorsteher Gisbert Schnitker, zugleich Heinmatvereins-Vorsitzender, die Urkunde und Münzen; von links Ferdi Kraft jun., Bert Bertling, Hildegard Kraft, Gisbert Schnitker, Willy Köster (verdeckt) und stellvertr. Heimatvereins-Vorsitzende Monika Herbort
Anmerkungen: 1) Vergl. Bert Bertling „Die Geschichte zweier Gemeinden: Moese und Mastholte“, 1997, Seite 264 ff 2) ebenda 3) Chronik der Wulfhorstschule
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