Neues aus der Heimatforschung

Heinrich Horstkemper –

Auswanderer nach Osten

Auch nach Osten wanderten im 19. Jahrhundert Mastholter Familien aus -
die Horstkempers landeten in Westpreußen

von Bert Bertling 01.09.2005

Mastholte erlebte im 19. Jahrhundert eine wahre Auswanderungswelle nach Amerika. Pure Armut vertrieb die Menschen aus ihrem Heimatort. Verlockend war Amerika deswegen, weil einer, der sein Glück dort gemacht hatte, Henrich Löhner, 1836 ausgewandert, 1844 noch einmal zurückkehrte und seinen Mitmenschen vom „herrlichen Land jenseits des großen Teiches“ erzählte. Jeder 4. Mastholter verließ vor allem daraufhin in der Zeit  bis 1860 seine Heimat in Richtung Amerika, die meisten landeten in Missouri, das Land in der Mitte der USA, in dem auch Löhner zu Hause war. Die größte „Ansammlung“ ehemaliger Mastholter ist noch heute dort der Ort Westphalia.

ERINNERUNGEN DES
CHRISTOPH HORSTKEMPER

 Wenige wissen, dass es auch eine Auswanderung nach Osten, nach Westpreußen, nach dem heutigen Polen gab. Allerdings sind davon nur wenige Namen bekannt. Sie übersiedelten erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich auch dort Ansiedlungsmöglichkeiten boten. Einer von ihnen war Heinrich Horstkemper aus der Wulfhorst, dem Löfkenfeld; er verließ zusammen mit seiner Ehefrau erst 1907 Mastholte, weil die neue Heimat in Westpreußen bessere Zukunft bot. Dort wurde auch ihr Sohn Christoph 1912 geboren.

 Dieser Christoph Horstkemper kam als Siebenjähriger zurück, viele nannten ihn in Mastholte später - wir kommen dazu - liebevoll „Onkel“;  er schrieb mit über 90 Jahren  noch seine Erinnerungen auf, die wir hier noch einmal nachzeichnen wollen und dabei dem Phänomen der „Auswanderung nach Westpreußen“ aus Westfalen auf die Spur kommen wollen.

KULTURKAMPF BISMARCKS

 Westpreußen, das Gebiet um Danzig und die Marienburg, heute polnisch, damals vor Gründung des Deutschen Reiches 1871 preußisch verwaltet, bewohnt von Polen und Deutschen. Nach der Reichgsgründung 1871 galten die Polen, die ja vornehmlich in den Gründungsgebieten um Posen und Westpreußen mehrheitlich zu Hause waren, als Bürger 2. Klasse. „Sie waren zwar Staatsangehörige in Preußen, galten aber nicht als Deutsche, gehörten nicht zum Volk ...

 „Praktisch waren die Polen in Preußen zwar mit allen staatsbürgerlichen Pflichten belegt - vor allem mit der, Soldat zu werden“ (1), aber als Mitglieder der deutschen Nation galten sie nicht. Das war die Situation vor der Reichsgründung.  1871 lebten 2,4 Millionen Polen in Preußen, das waren rd. zehn Prozent der Bevölkerung dort.

  Das Deutsche Reich war gerade im Versailler Spiegelsaal gegründet und der Preußenkönig Wilhelm zum Kaiser proklamiert, und schon begann Reichskanzler Bismarck den Kulturkampf, vor allem ein Tauziehen zwischen katholischen rheinisch-bürgerlichen  Industriellen  und  dem  protestantischen preußischen Landadel um wirtschaftliche Macht und politischen Einfluss. Im preußischen Osten des Reiches wurde der Kulturkampf dagegen zwischen Deutschen und Polen ausgetragen. Die Religionszuweisung schien einfach: preußisch-protestantisch  hier, polnisch-katholisch dort. Die durch die polnischen Teilungen erworbenen Landesteile waren nach fast 100 Jahren von einer deutschen Oberschicht überzogen.
In der damaligen  Provinz Westpreußen , im Kreis Konitz im Dorf Götzendorf   fand Heinrich Horstkemper 1907 sein neues Zuhause. (Karte: Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen eV.)

ARBEITSKRÄFTEMANGEL

 Bismarcks Ziel  der Germanisierungspolitik  war es, die polnische, meist bäuerliche Bevölkerung zu assimilieren. Religionsunterricht, Seelsorge und Schulstunden auf Polnisch wurden gestrichen. „Die Beschneidung ihrer Rechte trieb die bisher vielfach politisch uninteressierte polnische Bevölkerung in die Arme der Nationalbewegung und die in Windeseile entstehenden Bauernverbände.“ (2)

 Die Gründung des Deutschen Reiches löste über all Bedarf an Arbeitskräften sowohl in der Industriezentren an Rhein und Ruhr als auch auf den riesigen Landgütern des deutschen Ostens. Polen und Einwohner Ostpreußens und Masurens füllten diese Lücke. Aber der Bedarf war zu groß. „Im preußischen Teilungsgebiet (Posen/Westpreußen) setzte das Deutsche Reich unter Bismarck zudem auf Assimilation und Gemanisierung,“ sodass dort zusätzlich deutsche Kräfte gefragt waren. „Das Ansiedlungsgesetz von 1886, das die Zuwanderung deutscher Siedler begünstigte“, lockte tatsächlich etliche Jungbauern auf diese Weise nach Westpreußen. (3)  Gleichzeitig versuchten die Gutsbesitzer auch durch Zuwanderung russischer Saisonarbeiter das Problem zu lösen. Wichtiger schien ihnen aber die Einrichtung von eigenen Kotten, die westdeutschen  Bauernsöhnen, die selbst nicht zu Hause das Erbe antreten konnten, weil andere erbberechtigt waren, sich in Westpreußen anzusiedeln. Mit teilweise neuen Gebäuden und Stallungen sehr  verlockende Angebote. 

KOTTEN AUF PROBE 

 In der Familienchronik der Hostkempers liest sich das so: „Möglich wurde der Ankauf aufgrund der Tatsache, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Großgrundbesitzer und Adeligen mit ihrer Agrarwirtschaft durch die einsetzende Industrie große finanzielle Probleme bekamen. So auch in Westpreußen. Sie konnten dem Staat nicht einmal mehr die Steuern zahlen. Darauf hat der Staat ihnen einfach den Grund und Boden enteignet, daraus lebensfähige Parzellen gemacht, sowie ein einfaches Wohnhaus einschließlich Stallungen für Vieh und Gerätschaft erstellt und an interessierte Bauern verkauft.“ Wie auch immer: Bismarck war dieses nur Recht. Unter dem Titel „Germanisierung Ostelbiens“ verordnete er, dass die Neusiedler nach 10 Jahren „ordentlichen Wirtschaftens“ und „der Erledigung der Steuern“ Besitzer ihrer Hofstellen werden konnten oder mussten. In Götzendorf im Kreis Konitz, gelegen im späteren polnischen Korridor, fand Heinrich Horstkemper seinen Kotten. Sohn Christoph schildert das so:   „Dort hatte Vater Staat die großen Güter aufgeteilt... Meine Eltern hatten Freude an der Landwirtschaft und nutzten dieses Angebot. Pro Familie gab es eine Parzelle von 15 Hektar, bebaut mit einem neuen Haus und neuen Stallungen. Nach 10 Jahren konnten diese, wenn gut gewirtschaftet worden war und alle Steuerpflichten erfüllt worden waren in Eigentum übergehen. Meine Eltern erfüllten alle Anforderungen und der Besitz ging 1917 in das Eigentum der Familie Horstkemper über. Es konnte frei darüber verfügt werden.“ (4) Man hatte ordentlich gewirtschaftet.

VERKAUF UND RÜCKKEHR

 Nicht durch den 1. Weltkrieg aber im 1. Weltkrieg wurde Heinrich Horstkemper vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Zu Hause starb in der kleinen Landwirtschaft in Mastholte der Vater. Und obwohl Heinrich 7 Geschwister hatte, fand sich niemand, der den Mastholter Kotten weiter führen wollte oder konnte. Nach Jahren der Überlegung entschloss sich Heinrich Horstkemper, inzwischen mit einer 9-köpfigen Familie, Haus und Hof 1919 wieder zu verkaufen und nach Mastholte zurückzukehren. Er tauschte quasi eine 15 Hektar großen Hof gegen einen in Mastholte von der Größe von 6 Hektar.

Das Anwesen der Horstkempers in Götzendorf in Westpreußen im Kreis Konitz. Heinrich Horstkemper erwarb es 1907 im Zuge der Aufteilung von „ostelbischem Großgrundbesitz“ als Folge des Bismarck´schen Kulturkampfes.

 Und dennoch erschien dies in der Erinnerung von Christoph Horstkemper eine glückliche Fügung: Laut Versailler Vertrag wurde am Ende des 1. Weltkrieges Polen  als Staat wieder hergestellt und erhielt durch einen Korridor Zugang zur Ostsee.  Ansiedler nach 1910 jedoch enteignete der wieder errichtete Staat. Da aber Horstkemper vor 1910 siedelte, konnte er sein Anwesen, offenbar noch günstig  verkaufen.  „Im Nachhinein war der Verkauf in Westpreußen, besonders vor dem Hintergrund des dann folgenden zweiten Weltkriegs gar nicht so schlecht und kann fast schon als Glück bezeichnet werden.“ So Christoph Horstkemper, der mit 6 Jahren noch in Westpreußen eingeschult worden war. Die Kinder Theodor (1908-1988), Albert (1909-1991), Christoph (1912-2002), Maria (1913-1998), Elisabeth (1915-1997), Hermann (1016-2003) in Götzendorf geboren, Anna (1920), Otto (1921-1990), sein späterer Partner im Unternehmen,  und Hedwig (1926) kamen jedoch in Mastholte zur Welt.

IM WAGGON DER REICHSBAHN

 Die Rückkehr nach Westfalen ist dann doch auch sehr lesenswert: „Die Fahrt von Westpreußen nach Mastholte war sehr anstrengend und langwierig. Für Vater und Mutter war es nicht einfach; für uns Kinder war es allerdings ein Vergnügen. Zunächst wurde zur Bahn gefahren. Unsere ganze Habe, inklusiv einer Kuh, einem Pferd, einem Rind und der ganzen Familie wurde in einen Waggon geladen. Auf einer Seite war das Vieh und die Verpflegung untergebracht, auf der anderen Seite die Familie.

     

 Die Bahnfahrt im Sommer 1919 von Konitz nach Rietberg dauerte sechs Tage. Anfang Juli kamen wir dann in Mastholte an. Das Zugpersonal wusste genau, dass sie einen wertvollen Waggon dabei hatten und sorgten während der Wartezeiten in den Bahnhöfen dafür, dass mein Vater dort  für das Vieh und die Familie Wasser holen konnte. Meine Mutter passte während dieser Zeiten immer auf die Tiere und die Kinder auf. Die Milch von der Kuh wurde  zwischendurch immer abgekocht und von uns Kindern getrunken. In Rietberg angekommen holte uns dann Jakob Horstkemper, der Bruder meines Vaters, er war Bahnspediteur, ab und brachte uns mit einem Pferdewagen nach Mastholte.“ (5)

 In Mastholte also zurück besuchte der kleine Christoph dann die Wulfhorstschule. Die Eltern aber mussten feststellen, dass der landwirtschaftliche Boden sich doch vom westpreußischen sehr unterschied. Der sandige Boden gab im Vergleich zum Osten viel weniger her. Für Sohn Christoph  stand damit schon am Ende der Schulzeit fest, nicht Landwirt werden zu wollen. Er ging in die Lehre zur Firma Baumhues nach Langenberg, die Maschinenbau und -reparaturen, Bau von Sauggasmotoren für die Industrie und Lagererneuerungen betrieb.

STATT LANDWIRTSCHAFT
MASCHINENBAU

 „Von 1927  bis 1931 war ich Lehrling und danach vier Jahre Geselle. Von Montags bis Freitags übernachtete ich mit vier anderen (wir waren vier Lehrlinge und ein Geselle) vor Ort. Am Wochenende ging es dann mit dem Fahrrad nach Hause. Als Lehrling war ich in Kost und Logis und verdiente ansonsten nicht viel. Als Geselle ver- diente ich in der Stunde 1,36 Reichsmark. Pro Tag wurden 10 Stunden gearbeitet. Zur Gründung einer Familie hätte dieser Lohn nicht gereicht. Ich arbeitete bis 1936 bei Firma Baumhues.“ (6) Das Rüstzeug für den später so erfolgreichen Schlossermeister und Unternehmer, der für die Mastholter Industrie Maschinenbau betrieb, war nun da.

 Wie die meisten Männer aus Mastholte, wurde Christoph Horstkemper auch Soldat im 2. Weltkrieg, hier diente er bei der „Luftwaffeneinheit  Nachrichten“ als Fernmelder  und Fernschreibmechaniker.  In dieser Einheit war er sowohl in Ostpreußen, Russland und vor Kriegsausbruch auch in der „Legion Condor“ in Spanien eingesetzt. „Bis zum Ende des Krieges hatte ich den höchsten Mannschaftsdienstgrad Hauptfeldwebel (den höchsten Dienstgrad, den man ohne Studium erreichen konnte) erhalten“, so Horstkemper in seinen Erinnerungen.

Sie kehrten 1984 noch einmal zurück nach Götzenburg, 3. von links: Christoph Horstkemper, Maria Aldehoff, Magdalene Hessle (Tochter von Hermann H.)
Magdalene Horstekmper, Hermann Horstkemper, die jetzige Oma im Hause dort,
dann Albert Horstkmper und seine Frau Hilde. Ganz links die heutigen Besitzer.

 Nach dem Krieg verdingte Christoph Horstkemper sich zunächst als Schlosser in der Möbelfabrik Röhr, um sich dann um 1950 zusammen mit seinem Bruder Otto selbständig zu machen. Das war der Anfang des Unternehmens an der Langenberger Straße, Maschinen- und Heizungsbau Horstkemper. Aber das ist eine andere, neue Geschichte. Dass die Horstkempers als alte Mastholter Stammfamilie dennoch in Westpreußen geboren waren, das war bisher nicht so bekannt.

Anmerkungen:
1) Brigitte Jäger-Dabeck „Polen“ - eine Nachbarschaftskunde für Deutsche, Ch.Links-Verla, 2003, S. 96
2) ebenda, s. 97
3) Brockhaus unter „Polen: Nation ohne Staat“, letzter Absatz
4) „Erinnerungen“ von Christoph Horstkemper zu seinem 90. Geburtstag,  Manuskript 2002, unveröffentlicht
5) ebenda

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